Respekt vor NSU-Opfern: Wie weit darf journalistische Distanz gehen?

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Besucher der Sondersitzung des Thüringer Landtags zum Bericht des NSU-Untersuchungsausschusses, darunter Angehörige und Opfer der Terroristen.

Vom früheren Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs stammt das Zitat, ein Journalist solle sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Das Verhalten zweier Kolleginnen hat mich ins Zweifeln gebracht, ob dieser Satz wirklich allgemeingültig ist.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört“ – Hanns Joachim Friedrichs (1927-1995), zitiert nach Wikiquote

Distanz ist eine Grundvoraussetzung für den Reporterberuf. Jeder, der diesen Grundsatz missachtet, wird früher oder später Nachteile zu großer Nähe zu spüren bekommen. Die Person(en), über die berichtet wird, versuchen die Berichterstattung zu beeinflussen, der Journalist schreibt nicht mehr unvoreingenommen, lässt gar Fakten weg, weil es im Sinne der „Sache“ ist.

Andererseits ist es eine Illusion zu glauben, Journalisten seien völlig neutral, gäben ihre Meinungen und Überzeugungen an der Pforte zur Redaktion oder auf den Treppenstufen zum Termin auf.

Deswegen sind am Freitag im Thüringer Landtag nicht nur die Abgeordneten und Besucher aufgestanden, als die Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx, die Namen der Mordopfer der Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe verlesen hat. Sondern auch die Journalisten. Bis auf zwei. Die sind sitzengeblieben. Sie und ihr Medium sollen hier ungenannt bleiben, weil es nichts zur Sache tut.

Ich bin aufgestanden, weil ich das angemessen fand. Den Opfern und Hinterbliebenen gegenüber. Einige von ihnen waren gekommen, um an der Parlamentssitzung teilzunehmen. Sie saßen auf der Tribüne gegenüber, 20 Meter entfernt. Und ich bin aufgestanden, weil der Augenblick von hoher Symbolkraft war: Menschen bezeugen denen ihren Respekt, die um ihr Leben oder ihre Gesundheit gebracht wurden und die oder deren Angehörige zu Unrecht verdächtigt wurden. Da war in meinen Augen keine „Sache“, mit der ich mich hätte gemein machen können.

Ich war in diesem Moment zu ergriffen, um darauf zu achten, was die Kolleginnen neben mir getan haben. Ob sie zumindest das Tippen auf ihren Notebooks eingestellt haben. Aber ich habe meine Zweifel, ob journalistische Distanz in diesem Augenblick noch als Motivation herhalten kann für ihr Verhalten. Im besten Falle hatten die Kolleginnen einfach zu viel zu tun. Im schlechtesten waren sie einfach zu abgebrüht.

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