Thüringer Kommunalwahlkampf 2012: Lieber doch in diesem Internet?

Wahlschein. Autor: Jan Peters alias Flickr-User real2k (http://www.flickr.com/people/realer2k/)
Wahlschein. Autor: Jan Peters alias Flickr-User real2k (http://www.flickr.com/people/realer2k/)

Eigentlich sollte hier ein schöner Rant stehen, eine Tirade über Thüringer Politiker, die ihren Kommunalwahlkampf 2012 lieber nicht in diesem Internet führen. Doch der Rant muss ausfallen, lediglich ein paar Spitzen sind noch drin, denn bis in hinterste Winkel des grünen Herzens haben sich die politischen Möglichkeiten des www herumgesprochen.

Am 22. April 2012 werden viele Thüringer wieder wählen können, wenn sie es denn wollen: 16 Landräte, die Oberbürgermeister der sechs kreisfreien Städte und rund 120 Oberbürgermeister und Bürgermeister weiterer Kommunen werden neu bestimmt.Und sah es im Herbst 2011 so aus, als mache selbst das politische „Spitzenpersonal“ bei dieser Wahl – die finanziell recht ordentlich bestallten Oberbürgermeister und Landräte (hier: die Einstufung der Wahlbeamten in die Besoldungsgruppen, hier: die Grundgehälter in diesen Besoldungsgruppen) sowie deren Herausforderer – um dieses Internet als Kommunikationsmedium mit dem Wähler lieber einen Bogen, sieht es inzwischen anders aus.

Als Indiz für diesen Befund darf die vorgezogene Kommunalwahl am 15. Januar 2012 gelten: Die Wähler im Saale-Orla-Kreis bestimmen reichlich drei Monate vor den übrigen Thüringern einen neuen Landrat. Fünf Kandidaten stehen zur Wahl: Amtsinhaber Frank Roßner von der SPD will seinen Stuhl verteidigen, ihn dort herunterschubsen wollen Thomas Fügmann von der CDU, Thomas Hofmann von der Linken, Volker Ortwig von der FDP und Andreas Scheffczyk von der Freien Wählergemeinschaft „Unabhängige Bürgervertretung“.

Und bis auf den FDP-Vertreter, dessen Partei derzeit wahrscheinlich andere Sorgen hat als die Internetpräsenz eines Kommunalpolitikers mit überschaubaren Chancen, tragen alle Kandidaten ihren Kampf um Wählerstimmen auch im Netz aus. Roßner, Fügmann und Hofmann hat jemand gesteckt haben herausgefunden, dass Facebook einen Seitentyp „PolitikerIn“ vorhält, Scheffczyk nutzt sein persönliches Facebook-Profil. Außerdem haben alle Kandidaten mehr oder weniger opulente und informative Seiten ins Netz gestellt (zu: Roßners, Fügmanns, Hofmanns und Scheffczyks Wahlkampfseite).

Auch anderswo sind Kandidaten sind mittlerweile aus dem digitalen Tiefschlaf erwacht und sind im Netz präsent. Beispiel Eisenach: Hier versucht SPD-OB Matthias Doht, seinen Posten zu verteidigen – seine Website gibt es schon länger, und seine Aktivitäten werden durchaus kontrovers betrachtet. Nun aber hat sein aussichtsreichster Rivale, der auf CDU-Ticket segelnde Ex-Polizeichef Raymond Walk, eine eigene Seite im Netz und eine Facebook-Fanseite. Wenn’s denn klappen soll mit der Eroberung der Amtskette, dürfen die Aktivitäten und Informationen dort ruhig noch ein wenig zunehmen.

Im Kreis Gotha will CDU-Landrat Konrad Gießmann wiedergewählt werden. Seine Facebook-Fanseite zählt zwar bisher nur schmale 127 Fans (Stand 13.1.2012, 17:00), ist aber dennoch bemerkenswert: Nicht nur, dass der letzte Beitrag von Gießmann oder seinem Stab ganze 28 Stunden alt ist – die Fanseite weist zudem eine „Willkommens-„, eine „Über mich-„- und eine „Meine Ziele“-Landing page auf, die nicht mit Facebook erstellt, sondern extern programmiert werden müssen. Solch Zückerli hat Gießmanns SPD-Konkurrent Uwe Walther bei Facebook zwar nicht zu bieten – dafür postet er noch fleißiger, hat eine offene Facebook-Gruppe gegründet und lässt Videos produzieren.

Doch genug des Lobes, das sich mit vielen Beispielen fortsetzen ließe: Die Zahl der Internetmuffel unter den Kandidaten und verteidigungsbereiten Amtsinhaber ist auch nicht klein. In Suhl regiert der junge und kletteraffine Parteilose Jens Triebel, doch dem scheint das Netz so eine Art digitale Eigernordwand zu sein – dort ist über ihn nämlich bislang nichts zu entdecken. Im Kreis Saalfeld-Rudolstadt will sich Landrätin Marion Philipp am 27. Januar von ihrer SPD wieder nominieren lassen – doch im Netz und bei Facebook herrscht erstmal Funkstille (bis auf diese leicht angejahrte Begrüßung auf der Seite des Kreises), obwohl Philipp vom parteilosen Transportunternehmer Hartmut Holzhey herausgefordert wird, der im Netz und bei Facebook ordentlich Dampf auf den Kessel gibt und obendrein die CDU hinter sich weiß.

Im Saale-Holzland-Kreis weiß der CDU-Politiker Andreas Heller seit September 2011, dass er wieder in den Wahlkampf zieht – schon damals wurde er bereits von seiner Partei nominiert. Aber im Netz ruht still der See -Heller zankt sich lieber offline mit seiner 24-jährigen Herausforderin Judith Kroker, die eine eigene Seite unter unser-kummerkasten.de ins Netz gestellt hat. Wie es geht, könnte sich Heller nebenan im Kreis Greiz bei seiner CDU-Kollegin Martina Schweinsburg ansehen, die eine Facebook-Seite bespielt und sich schonmal martina-schweinsburg.de gesichert hat

Und dann wäre noch der Parteilose Hans-Helmut Münchberg, der den Landratsitz im Weimarer Land 1990 abonniert und seitdem nicht wieder abbestellt hat. Abgesehen davon, dass der Hochbauingenieur zuweilen den rechten Volkstribun gibt, ist Münchberg stolz darauf, ein Computermuffel zu sein: 21 Jahre lang kam er ohne Dienstrechner aus, seit Anfang 2011 hat er einen, der aber in der Ecke steht und meistens duster bleibt, wie er die Thüringer Allgemeine im Sommer 2011 wissen ließ. Aber Münchberg, der 63 ist, will weitermachen und wird das nach Lage der Dinge auch können, denn SPD und CDU haben sich mangels geeigneter Kandidaten entschlossen, Münchberg zu unterstützen. Ein Heimspiel, könnte man sagen. Die Chancen stehen schlecht, dass der Landrat in Apolda demnächst bei Facebook mit seinen Wählern kommuniziert.

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